Stottern auf Englisch ist für viele Betroffene belastender als das Stottern in der Muttersprache — obwohl die Grundproblematik dieselbe ist. Das internationale Meeting. Alle sprechen Englisch, die Runde wartet auf deinen Beitrag — und genau jetzt hängt das erste Wort. In der Muttersprache hättest du es vielleicht rausgebracht, aber auf Englisch kommt der doppelte Druck: das Stottern und gleichzeitig das Suchen nach dem richtigen Wort. Ich kenne dieses Gefühl. Und es gibt Gründe, warum es bei Fremdsprachen so viel heftiger ist.
Auf Englisch erleben viele Betroffene mehr Druck als in der Muttersprache: Du suchst nach Wörtern, prüfst Grammatik und willst gleichzeitig möglichst ruhig sprechen. Dazu kommt der soziale Druck, in der Fremdsprache sicher zu wirken.
Was du vorbereiten kannst — und wann eine schriftliche Einordnung sinnvoll ist.
Warum stottert man auf Englisch stärker?
Sprechen in der Muttersprache ist für die meisten Menschen hochautomatisiert. Du denkst nicht aktiv über Wörter nach — sie kommen. In einer Fremdsprache fehlt diese Automatisierung. Du suchst nach Vokabeln, pruefst Grammatik, achtest auf Aussprache. Das alles gleichzeitig, während du eigentlich kommunizieren willst.
Diese erhöhte kognitive Last kann entspanntes Sprechen erschweren. Du bist gleichzeitig mit Inhalt, Sprache, Aussprache und Erwartungsdruck beschäftigt.
Dazu kommt der soziale Druck. Viele Stotterer haben das Gefühl, auf Englisch schon sprachlich schwaecher zu sein. Das Stottern obendrauf fühlt sich dann doppelt blosstellend an: "Ich spreche eh nicht perfekt Englisch, und jetzt stottere ich auch noch." Dieser Gedanke erzeugt genau den Druck, der Blockaden verstärkt.
Das Englisch-Meeting — ein konkretes Szenario
Wochentlicher Team-Call mit Kollegen aus London, Dublin, New York. Du weißt, dass du irgendwann dran bist. Die Antizipation baut sich auf, noch bevor du den Mund aufmachst. Wenn du dann sprichst, ist die Anspannung schon so hoch, dass die Blockaden fast unvermeidbar werden.
Hinzu kommt: In internationalen Calls gibt es oft kurze Redepausen, in denen jeder versucht zu sprechen. Für Stotterer ist das eine besondere Herausforderung — der Moment, in dem man "einhängen" muesste, ist genau der, in dem Blockaden am haertesten treffen.
Telefonate auf Englisch sind nochmal schwieriger. Kein Gesicht, keine visuellen Reaktionen, hoeherer Interpretationsdruck. Viele Stotterer berichten, dass sie in deutschen Telefonaten schon Probleme haben — auf Englisch verdoppelt sich das.
Was ich selbst erlebt habe
Ich spreche neben Deutsch auch Russisch. In meinen Stotterjahren habe ich auf Russisch oft anders gestottert als auf Deutsch — manchmal stärker, manchmal schwaecher, je nach Kontext und emotionaler Bindung an die Situation. Was ich gelernt habe: Die Sprache selbst ist weniger das Problem als die Angst, in dieser Sprache nicht gut genug zu sein.
Was du beim Stottern auf Englisch vorbereiten kannst
Je öfter du auf Englisch sprichst — auch wenn es holprig ist — desto vertrauter wird die Situation. Wichtig ist, klein anzufangen und dich nicht zu überfordern.
Kein Nicht-Muttersprachler spricht perfektes Englisch. Grammatikfehler, Akzent, ungelenke Formulierungen — das ist normal. Wenn du aufhörst, perfektes Englisch als Ziel zu setzen, fällt ein riesiger Teil des Drucks weg.
"I stutter sometimes — just bear with me" kann in manchen Situationen entlasten. Ob du das sagen möchtest, bleibt freiwillig und hängt vom Kontext ab.
Schlüsselwoerter kennen, Eroeffnungssaetze einüben, den eigenen Part mehrfach laut sprechen. Das reduziert Unbekanntes und damit Angst — auf Englisch genauso wie auf Deutsch.
Alle Strategien oben sind erste Schritte. Wenn Englisch-Meetings starken Druck auslösen, lohnt sich ein genauer Blick auf Angst, Erwartung und Vermeidung.
Eine Fremdsprache kann zusätzlichen Sprechdruck erzeugen. Schreib vertraulich, welche Meetings oder Gespräche dich belasten; Andreas antwortet persönlich per E-Mail.
Situation schriftlich schildernLohnt sich Coaching auch wenn man auf Englisch stottert?
Das kann sinnvoll sein, wenn dein Ziel der Umgang mit Sprechdruck, Vermeidung und konkreten beruflichen Situationen ist. Coaching ersetzt jedoch keine Diagnostik oder fachlich notwendige Stottertherapie und verspricht kein bestimmtes Ergebnis.
Wenn der Druck kleiner wird, kann es leichter werden, nicht mehr alles zu vermeiden: Meeting, Call, kurze Rückfrage oder eigener Beitrag. Genau solche Situationen lassen sich schrittweise einordnen.
Stottern auf Englisch bei Video-Calls und Remote-Work
Video-Calls auf Englisch sind eine eigene Kategorie. Du siehst dein eigenes Gesicht auf dem Bildschirm, hörst deine Stimme mit minimalem Delay zurück, und gleichzeitig musst du in einer Fremdsprache denken und sprechen. Für Menschen, die auf Englisch stottern, ist das oft die schwerste Kombination überhaupt.
Was dabei hilft: Kamera anlassen, nicht ausmachen. Es klingt kontraintuitiv, aber wer mit Kamera spricht, bekommt visuelle Rückmeldung vom Gegenüber — ein Nicken, ein Lächeln, ein Zeichen dass die Verbindung steht. Das reduziert den Interpretationsdruck. Mikrofon zwischen dem Sprechen zu demuten hingegen ist eine Vermeidung, die langfristig die Angst verstärkt.
Ein weiterer Faktor: In internationalen Calls kommen oft mehrere Akzente zusammen. Britisches Englisch, amerikanisches Englisch, indisches Englisch. Häufig sind alle damit beschäftigt, dem Inhalt zu folgen. Der soziale Druck, den du innerlich aufbaust, kann größer sein als die tatsächliche Aufmerksamkeit der anderen.
Stottere ich auf Englisch stärker als auf Deutsch — oder bilde ich mir das ein?
Du bildest es dir nicht ein. Viele Stotternde, die beruflich auf Englisch sprechen müssen, berichten: In der Muttersprache ist es leichter, auf Englisch steigt der Druck. Das hat nachvollziehbare Gründe.
In der Muttersprache hast du einen viel größeren Ausweichspielraum. Du kennst Tausende Synonyme, kannst Sätze spontan umformulieren, weichst auf leichtere Wörter aus — alles unbewusst. Auf Englisch fehlt dieser Puffer. Du bist auf einen engeren Wortschatz angewiesen, und wenn genau dieses Wort blockiert, gibt es oft keine schnelle Alternative.
Das bedeutet: Es lohnt sich, nicht nur die Fremdsprache anzuschauen, sondern auch Erwartung, Scham, Vermeidung und konkrete Situationen. Mehr zu den Hintergründen im Ratgeber Stottern Ursachen und im Ratgeber Stottercoaching.
Häufige Fragen
Stottere ich auf Englisch stärker?
Viele erleben das so. In einer Fremdsprache läuft Sprechen weniger automatisiert ab — du suchst nach Wörtern, prüfst Grammatik und achtest auf Aussprache. Dieser Mehraufwand kann den Druck erhöhen.
Hilft es, englische Sätze vorher zu üben?
Für konkrete Präsentationen ja — Vorbereitung reduziert Unsicherheit. Aber auswendig gelernte Texte helfen nicht in freien Gesprächen. Dort braucht es eine andere Grundlage: weniger Angst vor dem Fehler, mehr Akzeptanz des eigenen Sprechens.
Soll ich in Englisch-Meetings auf mein Stottern hinweisen?
Nicht nötig, aber möglich. Ein kurzer Hinweis kann entlasten, wenn er sich für dich stimmig anfühlt. Du musst dich aber nicht erklären.
Gibt es Sprachen in denen Stotterer leichter sprechen?
Manche Stotternde berichten Unterschiede zwischen Sprachen. Das ist individuell und hängt oft mit Kontext, Sicherheit und emotionaler Belastung zusammen.
Hilft Stottercoaching auch für Englisch?
Coaching kann ergänzend helfen, Sprechdruck, Vermeidung und konkrete berufliche Situationen wie Englisch-Meetings einzuordnen. Es ersetzt keine Diagnostik oder Stottertherapie.
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